Presseberichte
 
Die Harke vom 17.9.2013
Kreiszeitung vom 16.Sept. 2013


Henry Smorra probt mit Tuchartistin und spanischem Hengst für sein neues Projekt 
 
Tina lässt sich gerne fallen
Von Jörn Dirk Zweibrock    Weser-Kurier, Syke 20.08.2013
 
Tina Badenhop liegt am Boden. Je näher ihr der 500-Kilo-Koloss Gayoterro kommt, desto lauter pocht ihr Herz. Die Frau im weißen Kleid hört jeden Schritt des Pferdes, hat manchmal sogar richtig Angst, von dem spanischen Hengst zertrampelt zu werden. Doch Reiter Henry Smorra hält die Zügel fest in der Hand. Die Tuchartistin arbeitet zum ersten Mal so eng mit einem Tier zusammen. Smorras neuestes Projekt erzählt eine Geschichte, die sich rund um das Thema Vertrauen dreht. Es geht ums Loslassen, ums Fallenlassen – also wie im richtigen Leben.

Bücken. Henry Smorra sitzt hoch zu Ross auf Gayoterro und greift zur stabähnlichen Garrocha. "In Spanien und Portugal wurden damit früher Rinder gejagt. Heute dient sie nur noch als Show-Element", erklärt der 69-Jährige. Sein 14-jähriger spanischer Hengst Gayoterro ist ein richtiger Heißsporn, eben ein Pferd mit Temperament. "Er ist ruhiger und verlässlicher als mein verstorbenes Pferd", erzählt Smorra und streichelt dem Tier sanft über den Rücken. Auf dem Rücken der Pferde hat Smorra, der seit 1989 auf dem verwunschenen Fasanenhof in Bücken lebt, sein persönliches Glück gefunden. Für sein neuestes Projekt, dass bei seinem 70. Geburtstag uraufgeführt wird, hat er die Tanzpädagogin Tina Badenhop aus Völkersen im Landkreis Verden engagiert.
Beide proben schon seit Monaten am Zusammenspiel zwischen Tina, Tuch und Tier. "Wir mussten leider etwas pausieren, weil Gayoterro an einer Sehnenscheidenentzündung litt", bedauert Tina Badenhop, dass die Proben für einige Zeit ausfallen mussten. Henry Smorra konnte mit Gayoterro lange nur im Schritt arbeiten. Eigentlich wollte das tanzende Trio mit der Nummer schon bei der Bassumer Piazzetta, beim Straßentheater-Festival in der Lindenstadt auftreten – doch manchmal kommt es eben anders als man denkt.
 
"Tanz ist ein Telegramm an die Erde, mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft", zitiert die Tanzpädagogin einen Ausspruch vom berühmten Fred Astaire. Tina Badenhop ist gerne die Ginger Rogers von Henry Smorra, schwebt zu Beginn in einem Kokon in den Raum, tastet sich über ein Kunststoffpferd vorsichtig an das echte Pferd, an Gayoterro heran. "Ich habe manchmal richtig Schiss, wenn ich auf dem Boden liege und das Pferd wieder irgendwelche Sperenzien macht", gesteht sie. Das weiße Tuch fungiert dabei als Bindeglied zwischen dem Kunstreiter und der Tuchartistin. Graue Eminenz im Hintergrund ist Smorras Frau Regina Dereser, eine Tierärztin. Sie begleitet die Proben mit der Kamera und feilt mit dem Reiter und der Artistin an den verschiedenen Figuren.
Hängt Tina mal wieder zu lange kopfüber in der Luft, hat der 69-Jährige "Angst, dass sie kein Blut mehr im Kopf hat". Wer seine Ängste überwindet, wer loslässt, wer sich traut, sich auch mal fallen zu lassen, wächst über sich hinaus: Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte mit dem weißen Tuch, durch die Traumbilder und lyrischen Geschichten – musikalisch unter anderem von Portishead untermalt. "Es geht um Vertrauen, es geht um Verlässlichkeit", erläutert der Bücker Künstler die Botschaft seines aktuellen Projektes.

Eine große Portion Vertrauen muss auch Tina Badenhop mitbringen, wenn sie mit Gayoterro auf der Bühne steht. Nicht nur die Tänzerin muss sich vor dem großen Auftritt warm machen, auch ein Heißsporn wie Gayoterro benötigt einen entsprechenden Vorlauf. Eine halbe Stunde kleine Reprisen, Trab, Galopp verordnet ihm Pferdeflüsterer Henry Smorra. So wie ein Mensch, der seine Ängste überwindet, Vertrauen in seine Umwelt fasst, tanzt sich auch Tina im weiteren Verlauf der Choreografie frei, verzichtet schließlich sogar voll und ganz auf das weiße Tuch. Sie hat ihren Kokon hinter sich gelassen, aus der schüchternen kleinen Raupe ist ein strahlend schöner Schmetterling geworden, der sich im Scheinwerferlicht suhlt.
 
"Tina hat inzwischen so ein intensives Verhältnis zu Gayoterro aufgebaut, dass sie ihn nach der Probe sogar abreitet", freut sich Henry Smorra über die im Laufe der Monate entstandene Bindung zwischen Mensch und Tier.
Nach der Premiere bei Henry Smorras 70. Geburtstag möchte er gemeinsam mit Tina, Tuch und Tier an die Öffentlichkeit gehen und bei Veranstaltungen auftreten. "Wir brauchen dafür mindestens einen sechs Meter hohen Raum und einen Abstand von sieben Metern zwischen Tier und Tänzerin", rechnet der Kunstreiter vor. Der Wendekreis des Pferdes, eines 500-Kilo-Kolosses, ist eben groß, sehr groß.

 
Auf Tuchfühlung: Tina Badenhop tastet sich über das Kunststoffpferd langsam an das echte Pferd, an Gayoterro heran. Bei dieser Nummer, die viel Vertrauen erfordert, behält Henry Smorra die Zügel immer fest in der Hand.
FOTOS: UDO MEISSNER
Wie im alten Spanien: Mit der stabähnlichen Garrocha wurden früher Rinder gejagt. Heute dient sie nur noch als Show-Element.
 
Alles eine Frage des Vertrauens: Tina Badenhop hat eine enge Bindung zu dem spanischen Hengst aufgebaut und darf ihn sogar abreiten.